Märchen

Das Märchen vom Mann in Schwarz

Es lebte einst ein alter König, dessen letzte Liebe ein kleines Hündchen ward.

Doch auch das Hündchen welkte so, dass es dem König ganz grimm ums Herze wurde.

So kam es, dass er zuwenigst das Bild des treuen Gefährten für immer wahren wollte und es geschah, dass er weit übers Land alle rechtschaffenen Maler zu sich an den Hof beorderte.

Ihnen sagte er, dass er jenen, dem es gelänge, das kleine Hündchen so zu malen, dass jedes Härchen, ja, jeder Blick des Tierchens so wohl gelänge, dass das Bild Jahr und Tag des Lebens überdauere, mit Gold überschütten werde.

Mit strengen Mienen gingen sie ans Werk, am Hofe sogleich. Drei Dutzend Maler fast versuchten nicht nur Talent und Farbe. Sie skizzierten, radierten, kratzten, schabten, colorierten, schraffierten, patzten, strichen und lasierten. Jahr und Tag, Tag und Jahr.

Doch der König wurde grauer und grauer, das Hündchen welkte und welkte. Und niemand der großen Künstler, drei Dutzend an der Zahl, konnte das Bild erschaffen, das dem König im Herzen blühte.

Gram und traurig war der König, da niemandem das Bildnis gelang…

… bis eines schönen Tages ein schwarz gekleideter Mann, mit stolzem Blick und kurzem Bart, am Hofe erschien. Schnurstraks ging er auf den König zu und sagte: „Ich kann dir helfen! Gib mir drei Tage und du wirst mich mit Gold überschütten, wie du es versprochen hast!“

Der König war glückselig, da sein Vertrauen in die Künstler am Hofe geschwunden war. Hoffnung funkelte in seinen Augen und er lud den Schwarzen Mann ein, zu tun, wie er gesagt hatte.

Am ersten Tage studierte er das Hündchen. Er ließ es laufen, sitzen, schlafen und stehen. In all dem beobachtete er das Tier mit seinen Augen und seinem Herzen.

Am zweiten Tage berührte er es. Fühlte das Fell, die Gelenke, die Glieder, das Köpfchen und den Körper.

Am dritten Tage schließlich wandte er sich an den König und sagte: „Ich bin bereit!“ und schritt an die Staffelei. Der König, so meinte er, könne ihm bei seiner Arbeit zusehen, es werde nicht lang dauern. Und er begann zu malen.

Die Augen des Königs wurden immer größer. Und nach nicht einmal einer Stunde begannen sie, sich mit Tränen zu füllen. Vor seinen Augen entstand mit wenigen Strichen das Bild seines Hündchens. Alles, ja wirklich alles war genau so, wie bei seinem pelzigen Freund. Der Blick: schelmisch und keck. Die Pfötchen: klein und kokett. Ja, sogar die Barthaare, teils krumm, teils elegant gebogen. Alles, ja wirklich alles wurde Pinselstrich für Pinselstrich zu nichts andrem als seinem lieben Hund.

Schließlich ward das Bildnis entstanden. In nur ganz, ganz kurzer Zeit – die Farbe roch noch feucht – war es vollbracht.

Stolz stand der schwarz gekleidete Mann neben seinem Werk, der König glückselig ihm gegenüber.

Dann sprach der Schwarze Mann: „Nun, es ist an der Zeit, dass du mich mit Gold überschüttest. Ich bin bereit!“

Doch der König meinte nur still: „Hm, das geht nicht, … Du musst verstehen, … All‘ die anderen, sie mühen sich schon so, so lange. Und du, du kommst daher, sprichst 2 Tage nicht, gehst dann ans Werk und es geht dir so leicht von der Hand, während die andren sich doch so sehr plagen! Nein, du bekommst nichts von mir. Das musst du schon verstehen!“

Mit einem eisigen Lächeln erhob sich daraufhin der wahre Meister und sprach bitter, ehe er ging: „Leicht von der Hand meinst du? – Ich habe mein ganzes Leben lang nichts andres getan als dies.“