Stürzen: Die Frage ist nicht, „ob“ es passiert, sondern „wann“.


Eine der leidvollsten Erfahrungen jedes Motorrad-Rennsportlers ist das Zu-Boden-Gehen. Mit „Glück“ sind bloß Sturzteile zerschrammt und man kann sich hinterher mit seinen Freunden bei einem Getränk beraten, wie die Maschine wieder aufgebaut wird. – Mit „Pech“ kann es sehr, sehr weh tun!
Ihr müsst euch nichts vormachen. Eines Tages werdet ihr stürzen. Jeder, der sich auf dem Motorrad mehr oder weniger regelmßig auf der Rennstrecke bewegt, wird sich eines Tages „auflösen“. – Egal, ob ihr schnell oder eher langsam unterwegs seid, ob ihr „Nudler“ oder „Fast-Profis“ seid. Der Tag wird kommen und es ist gut, wenn ihr darauf vorbereitet seid. Es gibt Zeiten, da wird zwar „gestürzt“, aber es passiert wenig oder gar nichts. Dann wieder gibt es Zeiten (so wie in der heurigen Saison 2009), da hat irgendjemand das Tor zur Hölle aufgestoßen und Neukirchner atomisiert schuldlos seinen Oberschenkel, seinen Fuß und sein Wadenbein, Haga bekommt mit 300+ einen Vogel an den Oberarm, sodass er eine Runde lang Teile des Gefieders im Bizeps stecken hat und schließlich in der Parabolica zu Boden geht, Sete zerbröselt zum zehnten Mal sein Schlüsselbein, Regis Laconi stürzt so schwer, dass er in einem künstlichen Koma gehalten werden muss, Muggeridge wird so unglücklich vom Bock gerissen, dass er mit beiden Beinen zwischen Hinterreifen und Heck eines Rennfahrerkollegen stecken bleibt und 150 Meter mitgeschleift wird, Daniel Lo Bue hat beim Yamaha R6-DUNLOP-CUP in Oschersleben einen schweren Startunfall und stirbt, …

Da macht es sich im Vergleich fast lächerlich aus, dass sich Jorge Lorenzo in der Out-Lap (!!!) so in die Botanik verabschiedet, dass er mit zerschundenem und verdrecktem Rennleder und Ersatzmotorrad in der Startaufstellung steht.

Nun, klarerweise sind wir Hobby-Racer nicht gefordert, bei jedem Turn an das Schlimmste zu denken. Klar ist auch, dass uns unser Hobby Spaß machen muss und wir nach einem schönen Rennwochenende erschöpft, aber glücklich wieder an unserem Arbeitsplatz sitzen und für unser „Geldverdienen“ fit sein müssen (damit wir uns unser Hobby leisten können).

Und doch gehört das Stürzen so zum Sport dazu, wie das Anstarten des Motors. – Ich selbst bin nun auch schon eine Zeit lang (naja, 2 Saisonen) dabei und ich muss sagen, dass ich fast niemanden kenne, der schon länger fährt und noch nie eine Brezen hatte. (Ich selbst kann über Lorenzos Missgeschick in der Out-Lap auch nur verhalten schmunzeln, da mir dasselbe passiert ist. Resultat: Schlüsselbein 5x ab, Mittelhandknochen gebrochen, Brustkorb geprellt, Rippen angeknackst. – Also kann ich „mitreden“ ;-)

Somit bin ich selbst zu folgenden Erkenntnissen gelangt:

  • Man kann nicht so fahren, dass man einen Sturz zu 100% ausschließen kann.
  • Wenn „es“ passiert, dann geht es so schnell, dass man nicht einmal weiß, „wie“ es passiert ist.
  • Man muss sich geistig darauf einstellen, dass „es“ jederzeit passieren „kann“.
  • Man darf niemals als „Passagier“ am eigenen Motorrad sitzen (nicht einmal in der langsamen Out-Lap), sondern muss immer wach und aktiv das Bike bewegen.
  • Das Bike muss IMMER technisch einwandfrei sein, darüber dürfen keinerlei Zweifel bestehen.
  • Keine Kompromisse bei den Reifen. (Zustand, Temperatur, Beschaffenheit)
  • Keine Kompromisse bei den Bremsen.
  • Keine Kompromisse bei Leder, Helm, Stiefeln, Protektoren.
  • Geschlossene Ölwanne verwenden (auf der Rennstrecke).
  • Am Beginn der „Rennfahrer-Karriere“ Coaches und Instruktoren konsultieren.
  • Kein (und mit „kein“ meine ich „absolut kein“) Alkohol am Racetrack.

Ja, und dennoch kann man stürzen, auch wenn man alle diese Punkte (und noch mehr) beherzigt. Und es stellt sich mit Recht die Frage, ob man sich auf das Stürzen vorbereiten kann, was man während des Sturzes und danach tun soll.

Öh, meistens geht’s so schnell, dass man schneller auf der Pfeife liegt, als man „bapp!“ sagen kann. – Bei mir war’s zumindest so. Bis zum heutigen Tage kann ich nicht zu 100% sagen, „warum“ es mich zerbröselt hat. Da war nix mit „in die Fußrasten stellen und den Highside ausreiten“, „schauen, dass man nicht auf Schulter oder Hände fällt“, „flach auftreffen, um den Einschlag zu entschärfen“, … „Pack!“ hat’s gemacht und ich bin auf der Go gelegen. Nur eines hab gleich gewusst: „Heut‘ fahr‘ i nimmer!“

Aber zumindest in der „Literatur“ gibt es einige Tipps, wie man sich beim Stürzen verhalten sollte:

Arme an den Körper, am besten vor die Brust. Bei Bodenkontakt zusehen, dass eine möglichst große Lederfläche das Rutschtempo bremst. Möglichst rasch vom Motorrad „weg“. Während des Stürzens langsam bis 10 zählen (bis man zum Stillstand gekommen ist), da man sonst bei 50 km/h restlicher Rutschgeschwindigkeit aufzustehen versucht und mit einem 7-Meter-Schritt in der Botanik verschwindet.

Wenn’s dann schon passiert ist, man stehen kann und seine Knochen sortiert hat (und somit hoffentlich außer blauen Flecken keine Verletzungen hat), auf die Streckenmarshalls warten und auf den Fetzentraktor. Unbedingt vermeiden, die Rennstrecke mit Schotter und dreckigen Reifen zu verunreinigen (noch schlimmer wäre Öl oder Kühlwasser).

Tja, da gibt es noch einige Tipps, um die Sturzwahrscheinlichkeit zu verringern, um beim Ausritt ins Kiesbett nicht umzuplumpsen, was die Kollegen tun können (zB auf keinen Fall auf der Rennstrecke stehen bleiben, um dem Buddy zu helfen!!!), wie man (bei Verletzungen) am besten wieder nach Hause kommt, wie man es nach einer „Zwangspause“ am besten wieder angeht. – Aber dazu werden wir aufgrund des Umfanges des Themenbereichs einen eigenen Beitrag verfassen.

Unbedingt schließen möchte ich diesen Artikel aber mit dem aufrichtigen Wunsch: „Bleibt’s stets oben!“

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